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Fresken konkret

Bedeutung und Funktion der Farben

Die 26. Europäischen Tage des Denkmals standen unter dem Motto «Farben». Am 14. und 15. September 2019 wurden schweizweit rund 1000 Veranstaltungen an über 400 Orten durchgeführt. Eine davon in Waltensburg/Vuorz.

 

Zeichen-Alphabet

Die spätmittelalterliche Malerwerkstatt des Waltensburger Meisters hat sich bei der Komposition ihrer bildlichen Darstellungen einer Art Alphabet präzis definierter Zeichen bedient. Es weist Eigenheiten auf, die es erlauben, 20 Freskenzyklen und Einzeldarstellungen im Kanton Graubünden derselben Werkstatt oder deren Umkreis zuzuweisen und diese zugleich in den Zusammenhang eines grösseren gotischen Kulturkreises zu stellen. Trotz eines gewissen Schematismus in der Ausbildung der Zeichen gelingt es der Werkstatt, sowohl Bildinhalte, Erzählungen und in gewissem Sinn auch Gefühle auf verständliche Weise zu kommunizieren. Diesen Befund stellt Annegret Diethelm, die als Kunsthistorikern alle Werke dieser im 14. Jahrhundert in Graubünden tätigen Werkstatt unter dem Aspekt der Körpersprache eingehend untersucht hat.

Farbsprache

Nun stellt sie sich die Frage, ob die Farben ebenso zeichenhaft verwendet wurden wie die Formen, ob also die Farbe ebenfalls ein präzis definiertes Element der Bildsprache ist, d.h. welche Funktionen die Farbe innerhalb des Bildes wahrnimmt und mit welchen Bedeutungen die verschiedenen Farben verbunden sein könnten. Damit untersucht sie das Werk des Waltensburger Meisters unter einem völlig neuen Aspekt. Trotz verschiedener erschwerender Umstände wie Übermalung der Fresken, wiederholte Restaurierung oder Veränderungen bei einigen Pigmenten gelingt es, mindestens das Prinzip der Funktion zu erkennen, welche die Farben haben.

Einige Aspekte konnte sie den interessierten Anwesenden in der Kirche darlegen. Dabei ging sie ganz konkret von den Pigmenten aus, die der Waltensburger Meister in seiner Werkstatt verwendet hat. Angesicht der in Ilanz von Christian Aubry präsentierten Farben der Surselva, stellt sich die Frage, ob der Waltensburger Meister die Pigmente gekauft oder gar aus der Gegend selbst gewonnen hat, sind doch die von Aubry präsentierten Farben alle mineralischen Ursprungs, so wie es für die Freskotechnik erforderlich ist.

Der Blick des Mittelalters

Auf eine besondere Art konkret wurde die Präsentation der Fresken. Das grosse gotische Fenster war ganz abgedunkelt, während das kleiner vorne zu zwei Dritteln verhangen war, da dort zur Zeit des Waltensburger Meisters eine kleine vertikale Öffnung vermutet werden kann. Der Chor war vollständig verhangen, da er zur Zeit des Waltensburger Meisters noch nicht existierte. So erhielt die Kirche ihre ursprüngliche Saalform zurück. Interessant war, wie die zwei kleinen Fensteröffnungn die Fresken lokal ausleuchteten und wie das Licht im Laufe des Tages mit der Sonne auf den Fresken wanderte. Interessant war auch, wie sich die visuelle Wahrnehmung veränderte. Beim Betreten der Kirche aus dem hellen Sonnenlicht sah ich zunächst gar nichts. Allmählich tauchten die Fresken auf und schon bald zeigten sie sich in ihrer vollen Pracht.

Dass Farbe und Licht in der Gotik eine herausragende Rolle spielten, zeigt sich eindrücklich an den farbigen Glasfenstern der grossen Kathedralen. Wie die Wirkung der Farben in der Kirche von Waltensburg/Vuorz im 14. Jahrhundert war, lässt sich wegen des Einbaus der zwei gotischen Fenster Fenster und des Chores mit seinen zwei Fenstern – aber auch wegen unseren veränderten Sehgewohnheiten – kaum mehr erahnen. Der Versuch mit verhängten Fenstern und verhängtem Chor am Tag des Denkmals erlaubte eine Annäherung an die damaligen Verhältnisse.

Zugabe

Bei der Führung am Nachmittag war Oskar Emmenegger anwesend. Er hat in den frühen 1970er Jahren die Fresken in Waltensburg/Vuorz umfassend restauriert, kennt also jedes Detail. Nach den Ausführungen von Annegret Diethelm, die einen spannenden Einblick in ihre gegenwärtige Arbeit zur Werkstatt des Waltensburger Meisters gab, hat Oskar Emmenegger Fragen der Anwesenden zu den Fresken kenntnisreich und präzise beantwortet. 

Von den verwendeten Pigmenten bis zu Details der Restauration kamen vorwiegend konkrete Aspekte um den Waltensburger Meister und seine Werkstatt zur Sprache – erfrischend anders als viele kunsthistorische Spekulationen.

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